Renate - 1993·94 in einem Sterbehaus in Budapest

Es ist halb sieben Uhr morgens, kraftlos dringt die aufgehende Sonne durch die Fenster in das alte Gebäude. Außer dem Bullern der Heizung ist nur Schnarchen zu hören: Der gleichmäßig schleifende Atem aus den aufgerissenen Mündern der in langen Reihen nebeneinander liegenden, ausgemergelten Gestalten. Der Anblick wird nicht weniger gespenstisch, wenn man das Licht anmacht. Eine Taube, die unter einem der Betten geschlafen hat, fühlt sich von den aufflackernden Neonröhren gestört und flüchtet sich in einen der Nachbarsäle.

Keiner nimmt Notiz davon. Ort dieser frühmorgendlichen Szene ist ein sogenanntes geriatrisches Krankenhaus im Zenrum der ungarischen Hauptstadt: einfach ein Sterbehaus.

Die 120 Menschen, die hier untergebracht sind, warten auf den Tod. Dass so etwas auch in Deutschland zur Realität gehört, ist klar. Aber der Unterschied liegt im Wie des Wartens. Manchmal könnte ich heulen, wenn ich sehe, wie die Menschen dort vor sich hin vegetieren. Sie liegen den ganzen Tag da, ohne jede Abwechslung und unter unmöglichen Bedingungen: Der Putz bröckelt von den Wänden, es gibt keine richtigen Waschgelegenheiten. Oft liegen über 15 Patienten in einem Zimmer, von denen aus eigener Kraft kaum noch jemand aufstehen kann. Wer zu schwach ist, eine Bettpfanne zu benutzen, macht ins Bett. Windeln gibt es nicht.

Das Katastrophale ist die personelle Situation im Krankenhaus: Die wenigen Pflegekräfte, die dort sind, sind unausgebildet, unterbezahlt und machen in alter kommunistischer Tradition nur das allernötigste. Oft werden die Menschen wochenlang nicht gewaschen. Der Geruch ist beißend, er klebt noch Stunden später in den eigenen Nasenschleimhäuten.

Der Ungarische Malteser-Caritas-Dienst hat eine Gruppe ungarischer Freiwilliger organisiert, die in ihrer Freizeit ins Krankenhaus kommen und die alten Menschen waschen. Es sind vor allem Medizin- und Theologiestudenten, die sich engagieren und vor ihren Vorlesungen ins Krankenhaus zum 'Waschen' gehen. Hier war es früher normal, dass ohne ein 'Trinkgeld' keiner gewaschen wurde. Unser Verhältnis zu den 'richtigen' Schwestern ist deshalb schwierig. Mit unserer Arbeit machen wir die Preise kaputt.

Als ich das erste Mal dort war, war ich total geschockt. Ich habe mich gefragt, ob ich das durchhalte, diese Arbeit weiterzumachen, immer hautnah - im wörtlichen Sinne - dieses menschliche Elend mitzuerleben. Heute bin ich fast ein bisschen erschreckt festzustellen, dass man sich daran gewöhnt. Ich merke, dass man abstumpft. - Aber natürlich gibt es auch sehr schöne Seiten der Arbeit.

Die alten Menschen, die meist ohne Angehörige oder ohne Kontakt zu ihren Angehörigen sind, blühen auf, wenn man sich ihnen zuwendet. Obwohl ich erst seit kurzer Zeit in das Krankenhaus komme, fragen einige der Patienten schon nach mir. Ein 90 Jahre alter Mann, der noch 'zu Kaisers Zeiten' deutsch gelernt hat, begrüßt mich immer mit „Küss' die Hand!“ und hört gar nicht mehr auf, auf deutsch aus seinem langen Leben zu erzählen. An einigen schönen Herbsttagen mache ich kleine Ausflüge mit Patienten, die noch fit genug sind und einige Stunden im Rollstuhl aushalten.

Wir fahren aufs Land oder setzen uns an die Donau. Es ist fast unglaublich, wie diese Menschen dann aufleben. Im Krankenhaus starren sie den ganzen Tag nur an die graue Decke. Wenn man sie nach dem Wochentag fragen würde, wüsste kaum einer eine Antwort zu geben. Manche sprechen auch überhaupt nicht mehr, sondern warten nur noch gleichmütig auf das Sterben.- Doch wenn sie für ein paar Stunden herauskommen, lachen sie wieder. Man kann richtig sehen, wie sie jeden Sonnenstrahl in sich aufsaugen. Sie entwickeln wieder Energie und wollen was erleben.Man kann diese alten Leute mit so wenig glücklich machen, und sie sind so unendlich dankbar dafür.

Die wichtigste Erfahrung ist für mich vielleicht, dass die Distanz zwischen meiner Heimat in der Lüneburger Heide und Ungarn nicht nur in Kilometern zu messen ist. Budapest hat in den letzten Jahren zwar schnell die Fassade einer westlichen Stadt angenommen. Den Ungarn geht es im Durchschnitt auch besser als ihren osteuropäischen Nachbarn. Aber trotzdem sieht es hinter den Kulissen doch anders aus. Die Distanz zu Deutschland ist erheblich.

Gelernt werden muss auch, dass diese Arbeit immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein bleibt. Solange sich an den Gründen, dass es solche Sterbehäuser mit solchen Zuständen gibt, nichts ändert, bleibt meine Arbeit ein Kurieren an Symptomen. Dass hier noch viele, viele Jahre lang Menschen allein und elend sterben werden, kann ich nicht ändern. Aber wenn ein Mensch, der vorher in seinem Kot gelegen hat, ein paar Stunden sauber ist, weil ich ihn gewaschen habe, dann ist das eine Hilfe.

Not ist kein Durchschnitt - sie ist immer persönlich.

Weitere Beiträge zu Tätigkeiten von Freiwilligen - Aufgaben und Bereiche

  • Manuela - 1995/96 in Biella/Italien - Betreuung behinderter Kinder
  • Assol - 1996/97 in Pavlovsk bei St. Petersburg/Rußland

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