Radoslaw - 1997/98 beim ICE in Dresden

Er erzählt, wie ihm über scheinbar alltägliche Begegnungen der Sinn des Dienstes immer bewusster wurde.

Neulich habe ich zusammen mit einer Gruppe von etwa 40 deutschen Jugendlichen den Film Die weiße Rose gesehen. Einer von vielen zum gleichen Thema. Er erzählt die wahre Geschichte der Geschwister Sophie und Hans Scholl und ihrer Freunde. Es ist Krieg, es gibt junge Leute, Studenten, die die Sinnlosigkeit des Mordens erkennen, sie erleben einen inneren Aufruhr und zögern nicht, selbst bis in den Tod zu gehen. Nichts Neues. Alle kennen das. Und dennoch hat diese Gruppe von 40 ausgelassenen Jugendlichen geschwiegen wie ein Stein. Niemand sagte etwas, niemand bewegte sich. Es herrschte eine Totenstille, aber ich fühlte, dass diese Stille ein Schrei war. Ein Schrei, der nach etwas fragt, aber nicht genau weiß, wonach. Ein kraftloser Schrei. Eine Reaktion auf eine unklare Frage, auf die die Antwort fehlt. Dann besser schweigen. Als ich später nachfragte, hatten viele Lust gehabt, etwas zu sagen, aber was? Ich fühlte, dass ich sie gefunden habe - unsere Antwort auf diesen kraftlosen Schrei und auf viele andere. Das ist unser Dienst: beim ICE, im Kinderheim, Krankenhaus, Altersheim, bei der Arbeit mit Behinderten oder bei anderen Organisationen. Es ist nicht wichtig, bei welcher Organisation wir arbeiten, wichtig ist, dass wir, junge Menschen, in ein 'fremdes' Land fahren und versuchen, zusammen mit den Leuten dort unsere gemeinsame Zukunft zu bauen.

Von der Geschichte haben wir ein trauriges Geschenk erhalten: die Verteilung. Verteilung nicht nur auf der Landkarte, sondern auch in unseren Köpfen und unserer Mentalität. Damit sich das ändert, ist viel Arbeit nötig. Die Änderung von Mentalitäten und tief verwurzelten Stereotypen kann manchmal lange unmöglich scheinen, aber wenn man nur ein bisschen tut, ist dieses bisschen im Vergleich zu gar nichts sehr viel. In dem Film, von dem ich gerade erzählte, fielen an einer Stelle die Worte: Aber irgend jemand muss doch damit anfangen!. Wenn jeder sagt: Es ist unmöglich!, dann werden wir uns nie von unseren Plätzen erheben. Dann könnte man über uns sagen: Unverbesserliche Romantiker! Wie kann man glauben, dass man etwas in dieser Welt ändern kann?! Darin unterscheiden wir uns von den Möchtegernverbesserern, die nur darüber klagen, dass man die Welt verändern müsse und dies mit theatralischen Gesten tun, während wir soviel arbeiten, wie wir können, und zwar ohne überflüssige Schreie und ohne Werbung.

Weitere Beiträge zu Freiwilligkeit und gesellschaftliche Veränderung: Erkennen und Handeln

  • Uli - 1990/91 zunächst in La Viale/Südfrankreich dann in Opstal, Brüssel/Belgien

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