Manuela - 1995/96 Betreuung behinderter Kinder in Biella, Italien

Sie war gemeinsam mit italienischen und deutschen Freiwilligen für Behinderte tätig und lebte in einer Communità, einer von der Caritas begleiteten Wohngemeinschaft.

Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker, aber eigentlich ist er überflüssig. - Grazia, die italienische Freiwillige, hat sich schon mit dem Fahrrad auf zum Cottolengo - ihrer Dienststelle (eine Einrichtung für geistig behinderte ältere Menschen) - gemacht, weil sie eine halbe Stunde vor uns ihren Dienst antritt. Nachdem Christiane und ich in Eile gefrühstückt haben, machen wir uns auf den Weg.

Im Domus angekommen, werde ich von Behinderten begrüßt und umarmt und fange meine Arbeit damit an, der Krankenschwester beim Medikamente-Verteilen, Frühstück-machen, und Füttern zu helfen. Wenn alle gegessen haben, bringe ich die Kinder ins Bad, wo gewaschen, gekämmt, rasiert, gescherzt, gesungen wird. Um 9.00 Uhr werden die Schulkinder von ihren Lehrerinnen abgeholt und in die interne Schule gebracht. Die Älteren machen sich auf den Weg oder werden zu den Werkstätten gebracht (Holz, Metall, Kunst, Theater, Handarbeit, Reiten, Schwimmen...).

Ich begebe mich zu meiner Gruppe in den Gelben Saal, und mit den Betreuern überlege ich, was wir heute machen könnten. Wir nehmen alle aus ihren Rollstühlen und legen sie auf Decken und Matratzen auf den Boden. Zu klassischer Musik mache ich Stimulationsübungen mit einem Mädchen, das so alt ist wie ich. Ich streichele ihren Bauch oder lasse Murmeln auf ihrer Haut rollen oder tauche ihre Füße in ein Becken von Pasta. Zum Schluss reibe ich sie mit einem wohlriechenden Öl ein, so wie es mir der Krankengymnast gezeigt hat. Ihre Blicke, die sonst stumpf und uninteressiert sind, suchen die meinen. Ich bin zufrieden. Ich merke, wie ihr Körper sich entspannt hat und weniger steif ist. Ich streichele ihre Haare und nach wenigen Minuten schläft sie in meinen Armen ein. Ich lasse sie schlafen und male ein Bild mit einem Jungen meiner Gruppe. Wir malen mit den Fingern zum Takt der Musik. Es macht Spaß zuzusehen, welche Freude es ihnen macht, in die Farben zu tauchen und wie wild drauflos zu klecksen.

Um 11.00 Uhr ist es Zeit zum Windelnwechseln. Während alle ins Bad gebracht werden, bereite ich unseren Saal für die Mittagsruhe vor. Ich lege Matratzen, Decken, Kissen auf den Boden und dunkle das Zimmer ab. Danach gehe ich in den Speisesaal und bereite alles für das Mittagessen vor. Nach und nach trudeln die Kinder ein und ich fange an zu füttern. Die Zeit des Mittagessens ist besonders schön, weil hier alle, Kinder und Betreuer, zusammenkommen. Es ist immer eine Atmosphäre voller Leben, voller Stimmen, Übermut, Lachen - Zufriedenheit...

Nachdem die Kinder gegessen haben, ist Mittagsruhe, und ich gehe zum Essen. Um 14.00 Uhr beginnt die zweite Hälfte meines Arbeitstages. Heute begleite ich Lele in die Vorschule. Ich gehe schon früher, um ihm die Windeln zu wechseln und seine Tasche zu packen. Er hat heute Durchfall und es dauert länger als sonst, weil ich ihn noch wasche und ihm die Kleider wechsele. Er lacht und sagt: Lela, Kaka. Nachdem ich ihn fertiggemacht habe, kommt ein Zivi, um uns zur Schule zu fahren. Lele ist aufgeregt und voller Enthusiasmus, und als ich ihn frage: Hast Du Lust, mit den Kindern in der Schule zu spielen, antwortet er mit einem siiii und klatscht in die Hände und umarmt und küsst mich. Bis um 16.00 Uhr bleiben wir in der Schule, wo gesungen, gespielt, getobt, gemalt wird. Die andern Kinder haben tausend Fragen, die meistens ich beantworten muss, was nicht immer leicht ist, weil die Kinder so unkompliziert und direkt mit der Behinderung umgehen. Manchmal fehlen mir die Worte oder auch die Erklärungen, wenn sie fragen: Warum wohnt Lele nicht bei seiner Mama? Warum kommst Du denn mit ihm her und nicht seine Mama? Warum kann er denn nicht laufen? ...

Als ich nach Hause komme, ist Christiane schon da. ... Wir müssen die Formazione (politisch-soziale Weiterbildung für das italienische Freiwillige Soziale Jahr) organisieren, die wir über Europa halten sollen. Wir wollen sie so ähnlich gestalten, wie wir unsere thematische Vorbereitung auf unseren Dienst in Dresden erlebt haben, mit Spielen und ein bisschen aufgelockert. Um 19.30 Uhr schließlich trudelt Grazia mit quietschenden Bremsen ein. Jetzt fängt das Communità-Leben an: ein Wirrwarr von Stimmen, weil jeder von seinem Tagesablauf erzählt. Sie hat einen Freund mitgebracht, der bei uns isst. Wir kochen gemeinsam und essen. Nach der Mahlzeit wird wie selbstverstänlich nach der Gitarre gegriffen und zwei oder drei Lieder gesungen. Währenddessen klingelt es und ein anderer Freund kommt vorbei, nur um Hallo zu sagen. - In solchen Momenten wird mir bewusst, was Communità heißt.

Nachtrag zum 10-jährigen Jubiläum des Projektes FSDE:

Ich möchte das 10-jährige Jubiläum des ICE vor allem auch als Gelegenheit wahrnehmen, einfach noch mal Danke zu sagen für die Erfahrungen, die ich in meinem Jahr in Italien machen konnte. Erst an Silvester, als wir mit vielen italienischen Freunden und den beiden anderen Biella-Friedies das Neue Jahr feierten, habe ich wieder festgestellt, dass das verlorene Jahr weiterwirkt und die Erfahrungen in meinen Alltag einfließen, auch wenn das oft ganz unbewusst geschieht ... ... es ist dasselbe Gefühl von Aufbruch, von Neugierde, Spannung, Aufregung, Hoffnung, Angst, Unsicherheit ... aber letztendlich ein Gefühl von einfach hingehen und sehen wollen, sich öffnen ohne Erwartungen und Ansprüche - sehen was kommt ...

Danke für das Jahr!

Weitere Beiträge zu Tätigkeiten von Freiwilligen - Aufgaben und Bereiche

  • Renate - 1993/94 in Budapest/Ungarn in einem Sterbehaus der Malteser
  • Assol - 1996/97 in Pavlovsk bei St. Petersburg/Rußland

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