Joachim - 1995/96 im polnischen Olsztyn

Bei der Kulturgemeinschaft Borussia erlebt er dieses Grenzgebiet zwischen Polen und der russischen Enklave Kaliningrad von der reichen Seite aus.

Ich erledige meine Einkäufe: Ein altes, ärmlich aussehendes Mütterchen bietet am Gehsteig bemalten Holzschmuck feil, und nur einen Zloty will sie von mir - einen Spottpreis. In der aufstrebenden Stadt, in der sich McDonald's und Co. eine goldene Nase verdienen, während gleichzeitig viele Menschen noch in großer Armut leben, ist nicht vieles mehr so billig zu bekommen. Ob sie das selbst bemalt habe, will ich wissen. Nein, da lacht sie mit ihrem zahnlosen Mund, das hat ihre Tochter doch im russischen Kaliningrad eingekauft. Sieben Jahre sind vergangen seit der Wende. Russland ist von einer reichen und mächtigen, beneideten und gehassten Weltmacht zum Zulieferland polnischer Billigprodukte geworden.

Ich erinnere mich zurück an einen Aufenthalt in Kaliningrad, wo Olsztyner Großhändler die Wirtschaft fest im Griff haben. Importe aller Art und Containersupermärkte künden dort vom polnischen Wohlstand. Vor so krassen wirtschaftlichen Gegensätzen, wie ich sie hier erlebt habe, verblasst der Gegensatz an der Oder-Neisse-Grenze. Fast scheint es, dass der Goldene Westen in Polen beginnt: In einer russischen Disco leuchtet das Motto einer nordpolnischen Brauerei in lateinischen Buchstaben über den Tanzenden. Czas na EB - Zeit für polnisches Bier.

Ich frage mich, wie die Menschen, die wegen sowjetischer Weltmachtträume bis vor kurzem in einem militärischen Sperrgebiet leben mussten, wohl ihre neue Lage empfinden. Formelle Reisefreiheit erhielten sie zusammen mit dem wirtschaftlichen Niedergang, der vielen Menschen alle Lebensperspektiven für die nächsten Jahre geraubt hat. Die unmittelbaren Nachbarn Polen und Litauen beherrschen die Wirtschaft.

Je länger ich hier bin, spüre ich, dass das ehemalige Ostpreussen auch heute ist, was es schon immer war: Grenzland zwischen den Kulturen. Polen, Litauer und Russen besiedeln das Land, in dem schon vor Jahrhunderten Deutsche mit Polen, Litauern und anderen Minderheiten gemeinsam ihr Leben gestalten konnten und mußten. Faszinierende Grenzgänger hat das Land hervorgebracht, aber es war auch Schauplatz nationalistischen Hasses und von Ereignissen, die wir heute in Jugoslawien erleben. Leider können wirtschaftliche, historische und politische Gegebenheiten auch in Zukunft Nährboden für Konflikte schaffen. Russische Politiker im Wahlkampf fordern einen exterritorialen Korridor von Weißrussland nach Kaliningrad, der wenige Kilometer nördlich von Olsztyn verlaufen soll. Die Polen erinnert alles Russische noch an die Sowjetmacht, die russische Sprache ruft Erinnerungen wach an Unterdrückung und Besetzung.

Die Polen und Litauer haben sich zu lange um Städte wie Vilnius gestritten, diese erinnern sich an die Vertreibung 1945, jene haben Angst vor dem großen Nachbarn. Doch auch diese Verhältnisse sind noch weit besser als die zwischen Litauen und Russland.

Freilich bietet die gegenwärtige Situation auch Chancen. Die BORUSSIA, meine Dienststelle, bietet im Sommer Jugendbegegnungen für Deutsche, Polen, Russen und Litauer, die durch persönliches Kennenlernen und gemeinsames Engagement wichtige Schritte auf dem Weg zu einer tragfähigen Freundschaft sein können. Dabei kommt den Deutschen nicht nur aufgrund ihrer Finanzkraft und ihrer Vergangenheit in diesem Gebiet, sondern auch aufgrund des unglaublich guten Bildes, das die verschiedenen Nationen hier von ihnen haben, eine besondere Rolle zu. Die allesamt ehrenamtlichen Mitarbeiter der auf Spenden angewiesenen BORUSSIA erzählten mir, wie in kommunistischer Zeit das seenreiche Ermland und Masuren systematisch zum Erholungsgebiet Nr. 1 in Polen ausgebaut wurden. Zwar war die Beschäftigung mit der Vergangenheit tabu; kulturelle Aktivitäten wurden gezielt kleingehalten, dafür avancierte das provinzielle Masuren zum Gardasee der Volksrepublik Polen.

Weitere Beiträge zu "Freiwillige und ihr Umfeld - Fremd in der Fremde"

  • Philippe - 1991/92 in Belfast in einem Workshop für arbeitslose Jugendliche
  • Rebecca - 1992/93 in Belfast/Nordirland in einem Sozialzentrum
  • Beate - 1998/99 in Pavlovsk bei St. Petersburg/Rußland

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