Exkurs: ...vorzeitig den Dienst beendet ... erfolgreich abgeschlossen

- Erfahrungen, Deutungen und Folgerungen - Theobald Rieth SJ

Die Zahlen über den Dienst aus 10 Jahren zusammengefasst sind trocken - aber hinter jeder Ziffer steht ein menschliches Gesicht: Über 15.000 junge Menschen haben sich für FSDE interessiert, einige Tausend haben an den obligatorischen Orientierungsseminaren vor dem Dienst teilgenommen. Unterschiedlich waren die Reaktionen auf die Antworten, die sie nach den Seminaren erhielten:

Zusage
Wir freuen uns, Ihnen einen Platz im FSDE-Projekt anbieten zu können ...

Eine Reaktion von einer Bewerberin (Januar 1999), die die Zusage erhielt:
... Ganz herzlich möchte ich mich dafür bedanken, dass ich die Chance bekommen habe, ein freiwilliges Soziales Jahr ... leisten zu können... Ich bin jeden Tag voller Erwartung zum Briefkasten gelaufen, doch nach so langer Wartezeit hatte ich schon fast nicht mehr damit gerechnet, einen positiven Bescheid zu erhalten. Um so größer war die Aufregung, als ich vorgestern plötzlich den Brief unter der restlichen Post fand. Zuerst konnte ich ihn vor Herzklopfen gar nicht öffnen und starrte ihn einfach nur an. Schließlich rang ich mich doch dazu durch und - was soll ich sagen - als erstes blitzte mir das Wort ....(Land des Dienstes) entgegen: Ein Stein fiel mir vom Herzen und ich erfüllte die Wohnung mit Jubelgeschrei. Noch schöner wurde die Freude, als ich erfuhr, dass auch Freunde, die ich beim Orientierungsseminar kennengelernt hatte, auch eine Stelle bekommen hatten ...

Aber auch solche Antworten gibt es nach einer Zusage:

Eine junge Frau:

In den letzten Tagen und Wochen hat sich mein privates wie auch familiäres Leben dermaßen verändert, dass ich es mir selbst nicht zutraue, ein FSJ im Ausland zu leisten. Das Gefühl, hier mehr gebraucht zu werden, würde mir auf eine so große zeitliche und örtliche Distanz keine Ruhe lassen. Wahrscheinlich wäre ich keine große Hilfe in meiner Dienststelle, wenn ich selbst nicht richtig mit mir zurecht komme. Deshalb möchte ich hiermit erklären, dass ich das Freiwillige Soziale Jahr im Ausland abbreche. - Bitte haben Sie Verständnis, dass ich meine Gründe nicht detaillierter erkläre ...

Ein junger Mann:

Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich nicht am Anderen Dienst für Frieden und Versöhnung teilnehmen werde. Meine Meinung hat sich geändert. Den Sinn ihres Projektes finde ich zwar toll, jedoch setzt er sehr viel Idealismus der jungen Menschen voraus, den ich nicht habe. Soziales Dienen ist überall möglich, z.B. in dem Altenheim, in dem ich jetzt eine Zivildienststelle habe. ... Aus meiner Sicht ist es besser, eine Sache, von der man nicht vollständig überzeugt ist, zu lassen, um späteren Enttäuschungen vorzubeugen. Keiner aus meiner Familie, meinem Freundeskreis und auch meine Freundin konnten verstehen, wieso ich fünfzehn Monate im Ausland arbeiten möchte, wenn ich in Deutschland für eine ähnliche Arbeit Geld bekomme und ein angenehmes Leben führen kann. Trotz all dieser Meinungen hatte ich mich entschieden, an dem Dienst teilzunehmen. Der entscheidende Punkt ist, dass meine Eltern mir angeboten haben, die 6.000 DM, die der Dienst ungefähr kosten würde, mir zu schenken, wenn ich hierbleiben würde. Ich hoffe, dass Sie nun meine Entscheidung verstehen. Es ist besser, wenn andere Jugendliche mit mehr Motivation und Unterstützung diesen Dienst in Anspruch nehmen als ich und Ihnen und mir somit weitere Enttäuschungen ersparen. ... Vielen Dank für Ihre Bemühungen.

Absage

Wir bedauern, Ihnen leider keinen Platz im FSDE-Projekt anbieten zu können ...

Meistens erfolgen auf diese Mitteilungen keine Antworten, aber auch eine solche Antwort ist möglich:

... Die Worte, die Sie uns am Ende des Orientierungsseminars mit auf den Weg gegeben haben, waren: 'Ihr Leben geht weiter, auch nach einer Absage vom ICE' - und es geht weiter! Mit diesem Brief möchte ich mich noch einmal für die 5 Tage in Ihrem Haus bedanken. Das Seminar hat mir viel gebracht: Ich habe neue Freunde gefunden, die Anstöße zu Gedanken über Menschenwürde und Menschenrechte sowie die Diskussionen mit jungen Menschen aus den anderen Bundesländern waren für mich ganz wichtig. Schade ist nur, dass man diesen Worten und Leitsätzen nicht so einfach Taten folgen lassen kann. Die finanziellen und personellen Engpässe haben Sie mehrmals angesprochen. Aber ich denke, es ist wichtig, was jeder einzelne Mensch in seinem alltäglichen Leben leistet, damit die Welt in diesem kleinen Rahmen vielleicht ein wenig menschlicher wird. Und das kann auch ohne große Worte geschehen, indem man für den anderen da ist .... Ich werde mich weiterhin sozial engagieren, mein Studium beginnen und danach hoffentlich (!) einen Arbeitsplatz im sozialen Bereich bekommen. Das Leben geht weiter. ...

Bis heute haben 675 Freiwillige den Dienst angetreten. 635 (= 94,1%) haben ihn erfolgreich abgeschlossen; 40 (= 5,9%) haben ihn vorzeitig beendet, davon brachen 17 (= 2,5%) während der Vorbereitung ab, 23 (= 3,4%) beendeten vorzeitig vor Ablauf der vereinbarten Dienstzeit. (Stand: Okt. 1999)

Ein Fragebogen begleitet die Freiwilligenjahrgänge über das Jahrzehnt seit Bestehen von FSDE. Folgende Einschätzungen waren möglich: 1 = sehr gut, 2 = gut, 3 = zufriedenstellend, 4 = schlecht, 5 = sehr schlecht. Aus den umfangreichen Katalog greife ich vier Grundfragen heraus mit den Durchschnitts-Ergebnissen der Schlussreflexionen der Jahre 1988-1999, d.h. von allen Freiwilligen, die bisher an den Abschluss-Seminaren teilgenommen haben.

1. Frage: Hältst Du von der Idee her den Sozial- und Friedensdienst für sinnvoll? - Wertung: 1,1
2. Frage: War der Sozial- und Friedensdienst, wie er angeboten wird, für Dich sinnvoll? - Wertung: 1,5
3. Frage: Wie beurteilst Du Deine Dienstzeit ingesamt? - Wertung: 1,6
4. Frage: Würdest Du Dich (hypothetisch) noch einmal für FSDE entscheiden? - Wertung: 1,4

Alle vier Ergebnisse sind beeindruckend: Sie liegen alle zwischen sehr gut und gut - aber es sind Zahlen. Und Zahlen haben keine Gesichter, sprechen nicht von hellen Stunden und von Stunden, Tagen, Wochen, die dunkel waren und ...

Vor mir stehen die 675 jungen Frauen und Männer, denen ich seit 1988 als Leiter von FSDE begegnet bin - jede und jeder mit eigenem Gesicht und unter ihnen auch die, die ihren Dienst vorzeitig beendet haben.

während der Vorbereitung ... vorzeitig beendet 17 Freiwillige (= 2,5 %).

Dies erscheint verständlich, denn die Vorbereitung war und ist Probezeit. Ich stehe voll Achtung vor solchen Aussagen:

... Ich habe erkennen müssen, dass ich diesen Auslandsaufenthalt viel mehr zur Persönlichkeitsfindung und zur Begegnung mit meinen Freunden nutzen wollte. Das ist sicher nichts Negatives, aber der Weg über FSDE ist in diesem Fall der falsche ... Nun bin ich froh, eine Ehrlichkeit vor mir selber erlangt zu haben und so die Menschen in meiner zukünftigen Dienststelle und mich selbst vor einem halbherzigen, in sich widersprüchlichen Entschluss bewahrt zu haben. während des Dienstes ... vorzeitig beendet 23 Freiwillige (= 3,4 %)

Davon 9 Freiwillige (1,4 %) wegen Krankheit, familiärer Notfälle oder einem nachträglichen Studienplatz. - Zu ihnen gehören:

  • auch Cyrill, der durch einen Unfall sein Leben verlor,
  • auch ein Freiwilliger, der die Not seiner Straßenkinder und seine eigene Privilegierung nicht zusammenbringen konnte und zur Behandlung nach Deutschland zurückkehren musste,
  • auch eine Freiwillige, die sich eine hartnäckige Krätze holte und für die Heilung zurück mußte
  • auch Freiwillige, die nach einigen Monaten überraschend ihre ersehnten Fortbildungsplätze erhielten und mit Tränen von ihren Dienststellen Abschied nahmen,
  • auch Freiwillige, deren Eltern arbeitslos wurden oder wo Vater oder Mutter starben ...

Davon 7 Freiwillige (1,0 %) wegen Einsamkeit, Heimweh, Liebeskummer ...

Wenn es um 4 Uhr dunkel wurde und draußen kalt war ... Ich habe meinen Koffer gepackt und bin abgereist, ohne jemanden in Kenntnis zu setzen ... Ich habe dieses ständige Gefühl der Unsicherheit nicht mehr ausgehalten. Es war wohl Heimweh ... Ich wollte weder mir selbst noch irgend jemand anderem mein persönliches ‘Nicht-mit-der-Situation-fertig-werden’ eingestehen ...

Davon 7 Freiwillige (1,0 %) wegen Schwierigkeiten im Dienst oder mit Stellenleitern und Mitarbeitern:

  • auch ein Freiwilliger, der sich kopflos in ein elternloses minderjähriges Mädchen aus einem Heim verliebte und den Blick für Liebe und Verantwortung verlor ...
  • auch Freiwillige, die glaubten, sich über Frust und ausbleibende Erfolge mit Alkohol und Drogen trösten zu können ...

Stimmt es, dass alle anderen, die auf der Erfolgsseite der 94,2 % stehen, die ihren Dienst bis zum Ende geleistet haben, von solchen oder ähnlichen Regungen unberührt geblieben sind?

Dazu die Briefe erfolgreicher Freiwilliger, 1 Jahr und 7 Jahre nach ihrem Dienst.


Impressum