Emese (Ungarn) - 1997/98 in einem Kinderhaus in Hoyerswerda

Es war 1996, Annemarie (eine deutsche Frieda, die zu dieser Zeit im ungarischen Kecskemét gearbeitet hat) fuhr über Weihnachten nach Hause, und ich fuhr zur selben Zeit nach Köln. Wir saßen nebeneinander im Bus. 15 Stunden dauerte die Reise. So hatten wir viel Zeit, uns zu unterhalten, über unser Leben zu erzählen. Einen Moment... was machst Du in Ungarn?, habe ich erstaunt gefragt, als sie mir vom Freiwilligen Sozialen Jahr erzählte, dass es sehr schön sei, etwas von einem anderen Land zu lernen, wie es dort funktioniert, wie das Leben ist, wie die Arbeit, die Menschen und die Kultur des Landes.

Ich hatte gerade meine Prüfung zur Sozialassistentin abgelegt. Und bei Annemaries begeistertem Erzählen kam mir der Gedanke: Wie wäre es, wenn auch ich ein solches Jahr in einem anderen Land verbringen könnte? Als ich nach Weihnachten wieder zu Hause war, habe ich gleich angefangen, diesen Gedanken in die Tat umzusetzen: Anrufe, Informationen über MMSz (Magyar Máltai Szeretetszolgálat - Ungarischer Malteser-Caritas-Dienst). Ich habe eine freiwillige Arbeit in einem Obdachlosenhaus übernommen und gewartet. Als endlich ein Brief kam, habe ich mit Freude gelesen, dass ich zu der Euro-Gruppe gehöre.

Ich arbeite im Kinderheim St. Elisabeth der katholischen Gemeinde in Hoyerswerda. Das ist eine Industriestadt südlich von Berlin, zwischen Cottbus und Dresden. Außer einem kleinen Zoo, einem Schloss und dem Altmarkt gibt es keine besonderen Sehenswürdigkeiten - vielleicht sind noch die katholische und die evangelische Kirche beachtenswert. Viele Häuser wurden während der Zeit des Sozialismus gebaut und müssen jetzt repariert werden. In der Stadt gibt es wenig Arbeit, deshalb sind viele (junge) Leute weggezogen. Abends sind die Straßen fast menschenleer. Aber die Leiterin des Kinderhauses, eine Ordensschwester, (wir arbeiten hier nach der Montessori-Pädagogik, das ist für mich sehr lehrreich und interessant) hat mir viel geholfen, damit ich mehr von der Stadt kennenlerne und vieles als sehenswert betrachte, was in keinem Reiseführer steht. Sie hat mir auch viele Möglichkeiten gezeigt, womit ich mich nach der Arbeit beschäftigen kann. Ich habe eine sehr gute Beziehung zu den Eltern, wir reden oft miteinander, wenn sie ihre Kinder abholen - aber manchmal würde ich ihnen gern noch mehr erzählen wollen, was am Tag so mit den Kindern passiert ist, was sie gelernt haben. Am Wochenende bekomme ich oft Einladungen von Eltern: Wir gehen zusammen wandern, schwimmen, trinken Kaffee. Dann reden wir über alles. Auch zur Jugend und zu alten Leuten aus der Gemeinde habe ich sehr gute Kontakte.

Ich habe von meinem Gastland schon sehr viel gesehen und gelernt und habe jetzt eine andere Meinung über Deutschland als früher. Die vielen negativen Sachen, die man über Deutschland hört, sind nur eine allgemeine Meinung. Ich meine, den kalten, stolzen Deutschen gibt es kaum. So kann nur jemand denken und sprechen, der die Deutschen nicht kennt. Meiner Meinung nach ist die Mentalität nicht vom Land abhängig, sondern von den Menschen. Ich hatte keine Probleme, mit zunächst Fremden Freundschaften zu schließen. Wenn jemand offen und ehrlich ist, kann man ihn zum Freund gewinnen, dann ist es gleich, ob er aus Deutschland oder aus Ungarn kommt. Diese Erfahrung macht mich reich und froh.

Freiwillige aus West- und Osteuropa - Euro-Friedies in Deutschland


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