Daniel - 1992·/93 in Budapest

EG - Nein Danke, Umweltschutz = Heimatschutz: Deutschland erwache!, - sind die ersten Schmierereien, die mich einmal mehr an Hauswänden begrüßen. Ich schaue mich in der Straßenbahn um: Rentner, Berufstätige, Mittvierziger, vielleicht auch Arbeitslose, zwei Mütter, Schulkinder, auffallend viele Jugendliche mit auffallend wenig Haar auf dem Kopf - allesamt recht düster dreinblickend. Ob Studenten auch einmal arbeiten? Gloop ick nischt. Die kriejen doch nur dat Jeld inn ... jeschoobn!. Leider ist die Arbeitslosigkeit in der Region hoch, der Frust bei der Jugend drückt. Als eine Gruppe polnischer Studenten die Tram betritt, wird es zunächst merkwürdig still; missmutige Mienen richten sich auf jene zugestiegenen Fahrgäste, die auf ihre eigentümliche Art draufloszuzwitschern beginnen. Dat ham wa nun vonna Wende: Jezz sitzn die Pollacken bei uns! Gesichter von vierzig, dreißig oder vielleicht nur dreizehn Jahren deutsch-demokratischen Lebens gezeichnet - nicken sich zu, man ist sich einig: Wir sind hier doch nicht in Warschau!. Ich schäme mich für meine Landsleute. ... Ich will nicht mit ihnen verwechselt werden, mich nicht mit ihnen identifizieren müssen. Ihre Erscheinung macht mir Angst. ...

Habe ich mich feige verhalten, hätte ich sie ansprechen sollen, Stellungnahme beziehen, ihr fremdenfeindliches Verhalten anmahnen müssen? Doch im Grunde kenne ich sie nicht. Meine Überheblichkeit scheint im nächsten Gedankengang unerträglich. Was mache ich mich zum Richter? Hätte der Zufall es gewollt, wäre mir die gleiche Vergangenheit beschieden gewesen. Besitze ich nach eineinhalb Jahren mit starker sozialer Prägung schon wieder so wenig Sensibilität? - Unsicherheit im Umgang mit unserer nationalen Identität betrifft einen großen Teil der Freiwilligengenerationen.

Das morgendliche Ereignis ist ein Rückfall. Ein Ergebnis meines Dienstes in Ungarn ist ein gesünderes Verhältnis zu meinem Deutsch-Sein. Die allgegenwärtigen Schatten der jüngeren deutschen Vergangenheit lasten erstaunlich stark auf unserer Generation, allmählich und sehr behutsam tasten wir uns zu einem ausgewogeneren Nationalgefühl vor: Seltsam, aber wohl auch einleuchtend, dass man im Ausland mehr über die eigene Nation erfährt, sich immer wieder mit dem eigenen Land auseinandersetzt. Gerade die Ungarn haben mich oft auf meine eigenen Unstimmigkeiten gestoßen, meinen nationalen Identitätskomplex nicht gutgeheißen. Noch besitzen wir kein normales Nationalempfinden, und wir sollten uns davor hüten, den sogenannten Rechten dieses Terrain zu überlassen.

Weitere Beiträge zu Deutschsein im Ausland - Gewohntes neu Entdecken:

  • Mary - 1990/91 im Kinderdorf Eiras bei Coimbra/Portugal
  • Björn - 1993/94 in Lille/Frankreich
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