Aus einem Brief - 7 Jahr nach dem Dienst

... wie oft erstaune ich, dass Berichte über FSDE mich immer noch aufhorchen lassen, bisweilen gar fesseln, dass ich mich dem, was als Projekt begann, verbunden sehe, obgleich seit meinem Dienstende 1993 nicht einmal eine lose Bindung mehr bestand. - Was mir dabei wieder und wieder deutlich vor Augen tritt, ist wohl das Bewusstsein, wie ungeheuer bestimmend die Zeit für mich war. Da Sie in ganz besonderem Maße diese Zeit mitgestaltet haben, hoffe ich, Sie werden sich nicht langweilen, wenn ich Ihnen als verspätete, doch aktive und notwendige Nachbereitung von den Nachwirkungen, den positiven wie auch den ernüchternden, meines Dienstes als Friedie in Lublin schreibe.

Vielleicht erinnern Sie sich, wie blauäugig und beladen mit den idealistischen Schlagworten von europäischer Vernetzung, Völkerverständigung und sozialer Gerechtigkeit wir nach unserer Vorbereitung loszogen. - Mit Sicherheit wissen Sie von herben Enttäuschungen, die mancher von uns erlebte, als sich herausstellte, dass die Visionen, mit denen wir angereist waren, weder gefragt, noch fundiert waren. Ich war anfangs überzeugt von meiner Mission als Retter des Ostens und biss mehrmals in den sauren Apfel des Missverständnisses. Zurückblickend konstatiere ich aus diesen Missverständnissen, dass ebendiese Diskussion und damit Kommunikation erweckten, welche wiederum neue Perspektiven realisierten. Das Erlebnis des Neuen, des Fremden - Polens - hat sich dadurch intensiviert. Es entstand Nähe. Die Entdeckung dieser Nähe hat nachhaltig auf mich gewirkt. Die Interessen hat sie umgekrempelt, den Blickpunkt verschoben, meine Grenzen erweitert. Ich studiere Slavistik, bin hin und her gerissen zwischen Abenteuer Ost und Kultur West, plage mich mit slavischer Geschichte und Literatur und freue mich manchmal sogar daran. Die Arbeit im sozialen Bereich hat mir Sinnhaftigkeit vermittelt, die ich bis jetzt anerkenne und praktiziere. Ich versuche, in der Bahnhofsmission München mitzuhelfen; oft - im Vergleich zum Studium - erscheint mir diese Tätigkeit als die einzig wahre. - Die Erfahrungen der Dienstzeit haben mich mit Mobilität, Flexibilität, Toleranz und Vielfältigkeit vertraut gemacht.

Doch lässt sich nicht verschweigen, dass eine derartige Entwicklung auch ein Janusgesicht hat: Mit dem Aufenthalt in der Ferne einher ging eine Entfremdung zu dem, was man bislang als Heimat bezeichnet hatte. Die Sympathie für das Neuland brachte eine überkritische Beurteilung des Altbekannten hervor. Schon wieder Missverständnisse, schon wieder unzufrieden ... Darauf folgte zusätzlich die Erschütterung für ewig gedachter Freundschaften, aber auch die Erkenntnis, dass es unmöglich sei, alle neuen Bekanntschaften, potentielle Freundschaften aufrecht zu erhalten. Oft habe ich mir gedacht, wie einfach ein Leben ohne die Störung der Neuentdeckungen hätte verlaufen können. Wäre es nicht einfacher, ja effektiver gewesen, sich auf einen kleinen, bekannten Raum zu beschränken, zu begrenzen, um an diesem und demselben Ort etwas Dauerhaftes zu begründen?

Wäre ich daheim geblieben, wären viele Entscheidungen leichter gefallen, ich hätte sie nicht in Frage gestellt. Die eineinhalb Jahre außerhalb des Bekannten waren eine Odyssee. Erst durch sie weiß ich, was hier kostbar ist, nachdem es mich trotz aller Aufregungen und Wunder hierher zurückgeworfen hat. Erst durch sie weiß ich, dass das Maß der Dinge sich verändern kann. Und die Spannung, was kommen mag, ist nicht fürchterlich, sondern interessant. - Ich glaube nicht, dass ich mit dieser Meinung allein dastehe. In Gesprächen mit den Mitfriedies O. und T., zu denen, Gott sei Dank, noch Kontakt besteht, taucht immer wieder die Erfahrung dieser Zeit in Polen auf. Sie hat uns geprägt ... und eigentlich sehr reich gemacht. - Dafür wollte ich Ihnen danken.


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