Aus einem Brief - 1 Jahr nach dem Dienst

... Als Wanderer zwischen den Kulturen sollten wir aufbrechen. Doch was bleibt dazwischen, wenn man nicht mehr wandert sondern wieder ruht? Nur Selbstisolation, Orientierungslosigkeit, Heimatlosigkeit, ständige innere Unruhe - so schien es mir damals, und ich beschloss, Russland zu meiner kulturellen Heimat zu machen. All meine Ferien verbrachte ich da; immer wieder arbeitete ich in mehr oder minder sozialen Projekten, mehr oder minder ehrenamtlich; jedesmal aufs neue suchte ich die Höhepunkte meines Privatlebens jenes bestimmenden Jahres zu wiederholen. Und mit jedem Mal erschien das Unterfangen hoffnungsloser, wurde der Selbstbetrug deutlicher.

Ich war kein Friedensdienstleistender mehr, sondern Sozialtourist. Meine Arbeit war nicht bindend ... Ich musste keine Motivationstiefs mehr überwinden, brauchte nicht auszuharren, nicht gegen mich selbst und gegen mein Umfeld zu kämpfen. Die nächsten Generationen der Freiwilligen, Studenten, Praktikanten und Urlauber beherrschten nun die Stadt. Ich gehörte nicht mehr zu ihnen. Zwar wusste ich, was sie durchleben; kannte es nur zu gut aus eigener Erfahrung. Doch längst schon hatte ich es hinter mir gelassen. Und dagegen wollte ich mich wehren, als verweigere ich es, meiner schönen Jugend wegen, erwachsen zu werden. - Ich kannte die Probleme des Petersburger Lebens, es waren nicht mehr meine. Ich konnte gehen, wenn ich wollte; konnte kommen, wenn ich mich danach sehnte.

Vom sozialen Umfeld war ich nicht mehr abhängig. - Und für sie war ich nur ein Eindringling, bestenfalls ein Gast. - Nun endlich habe ich begriffen, dass St. Petersburg nicht mehr meine Stadt ist. Nun endlich kann ich gehen, weitergehen. Doch wohin? Einfach zurückkehren? Dafür war das Jahr zu stark. Zu sehr hat es mich verändert, um einfach so zu tun, als wäre nichts gewesen. Wie sehr beneide ich doch manchmal diejenigen, die niemals die Grenzen ihrer Stadt verließen, die niemals etwas Neues suchten, die in Ordnung, Harmonie und innerem Gleichgewicht leben. Gleichgewicht?

Die Metapher des Zen-Buddhismus ist hier nicht die Waage, nicht der Zustand der mediocren Starrheit. Der gespannte Bogen ist im Gleichgewicht - nicht schlaff, nicht gebrochen. In meinem Dienstjahr hat sich meine Sehne verkürzt, der Bogen ist nun für immer straffer gespannt. Man sagt im Zen, dass der Bogenschütze spannen, zielen und dann loslassen müsse. Der Pfeil fliege dann von selbst ins Ziel. Ich habe nun sicher den Boden unter den Füßen verloren. Nichts, was vor Pavlovsk mein Leben bestimmt hat, hat heute noch so eine starke Bedeutung. Und doch bin ich nicht in der Schwebe.

Ich fliege - wie ein Pfeil: treffsicher, geradlinig, doch ohne zu wissen wohin. Die Richtung kann ich nicht mehr ändern.

Ich ahnte, dass mich das Jahr verändern würde. Ich bin dankbar für den neuen Horizont, für die Energie, die mich trägt, antreibt und suchen lässt. Doch ich beginne zu begreifen, dass sich der Prozess nicht mehr umkehren läßt, ... ich die Geister, die ich rief, nun nicht mehr loswerde.

Was wollte ich eigentlich in Pavlovsk? Vor allem nur mir selbst einen Gefallen tun ... Rückkehr zu meinen Wurzeln, meine zweite Muttersprache wiedererlernen, noch ein Auslandsjahr - diesmal in Russland - vor meinem Studium einschieben, aus der Not des Zivildienstes die Tugend der Lebenslaufbereicherung machen? Sicher, all das habe ich erreicht; und doch habe ich mir keinen Gefallen getan. Pavlovsk war nur Vehikel, wie es jede andere Dienststelle, in jedem anderen Verein auch hätte sein können. Meine soziale Ader - falls ich denn je eine hatte - war gut verborgen. Dadurch wurde der Dienst zum Abenteuer der Selbsterfahrung. Ich sollte etwas Neues, Fremdes ausprobieren und damit auch noch anderen helfen. Großartig! Jetzt könnte ich wirklich mal meine eigenen Grenzen austesten. Würde ich es schaffen? Kann ich überhaupt (annähernd) gut sein? Ich wollte den Dienst so absolvieren, als wäre ich schon immer der geborene Sozialarbeiter, der nie etwas anderes kannte, als sich aufzuopfern - naja, zumindest für die 12 Monate in Pavlovsk ... ein Experiment halt. Nur, das habe ich nicht erreicht, und doch kann ich nicht sagen, ich wäre erfolglos geblieben.

Ich kann nicht sagen, was ich verändert habe ... vielleicht war meine völlig unqualifizierte Arbeit, durchsetzt mit Motivationstiefs und latenten Abbruchgedanken, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch was dieses Jahr mit mir angerichtet hat, lässt sich mit ein paar Worten nicht beschreiben. Ein Weltbild ist zusammengestürzt, ein neues hat sich noch nicht etabliert. Ich bin heute das Produkt aus mehreren, sich teilweise gegenseitig ausschließenden Ideologien - ziellos, suchend, angereichert. Wohin das führen wird, weiß ich nicht zu sagen. Mit Sicherheit habe ich mich verändert: Verbessert vielleicht; 'gestört', abgekommen vom Weg, der mir sicher schien?

Russland verlassen, Deutschland nicht erreicht. - Mental noch in Russland, jenseits deutscher Regeln. Unfähig, mich einzufinden. Unwillig, mich anzupassen. Russland auf keinen Fall verlassen wollend. Ich hatte das Gefühl, es könne mich hier keiner verstehen, außer denjenigen, die ihren Dienst im Ausland beendeten. Ich wehrte mich, Deutsch zu werden, obwohl ich mich nie zuvor so deutsch gefühlt habe. Ich wollte nur zurück, weg - nur nicht dableiben. Keine Mühe gab ich mir, mich verständlich zu machen. Ich verletzte Menschen und rechtfertigte es mit meinem Sonderstatus als 'Veteran'. Erst allmählich lernte ich, Abstand von mir selbst zu nehmen, langsam ins 'normale Leben' zurückzukehren.“

Bei der Deutung der Spannung zwischen gestört und abgekommen, zwischen dankbar für den neuen Horizont und Rückkehr ins normale Leben kann - so glaube ich - das Wort eines polnischen Schriftstellers hilfreich sein: Ihr Gewissen war rein, weil sie es nicht gebraucht hatten.

Auf das soziale Jahr, den Friedens- oder Auslandsdienst abgewandelt wäre die Aussage: Ihr Dienst war rein = erfolgreich, = nicht vorzeitig beendet, weil sie nie Schwierigkeiten hatten, nie im Dunkeln tappten, nie im Dreck standen. Wer von uns allen - auch die 94,2 %, die nicht vorzeitig beendet haben - trägt keine Narben, hatte nie die Nase voll und war sich seiner Sache immer sicher?

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