Björn - 1993/94 in Lille, Frankreich

... reflektierte nach seinem Freiwilligendienst über sein 'Deutsch-Sein' und darüber, was es ihm bedeutete

Fragebogen zu Dienstbeginn: Je höher Ihre vergebene Punktzahl, um so positiver Ihre Einschätzung: 0 = wertlos ... 5 = zufrieden ... 8 = ausgezeichnet.
Frage an mich, als ich im Juli 1993 den Friedendsdienst beim ICE antrat.:
Wie wichtig ist Dir Dein 'Deutsch-Sein'? - Meine Antwort 0 (= wertlos).

Meine Motivation zu einem solchen Friedensdienst war, zum Zusammenwachsen Europas beizutragen. Ich wollte denjenigen helfen, Europa zu erleben, die kaum die Möglichkeit haben, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Ich wollte endlich einmal etwas von meinem Glück abgeben.

Und dann so eine Frage: Deutsch zu sein, also deutsche Eltern zu besitzen, war meiner Meinung nach genauso ein Zufall, wie in einem der reichsten Industrieländer der Welt geboren zu sein. Wie konnte es mir wichtig sein, war es für mich doch einfach nur Normalität. Deutscher zu sein, war für mich genauso bedeutend, wie braune Haare zu haben, welche mir doch wahrlich nicht 'wichtig' sind. Ich fühlte mich intellektuell als Europäer, als Weltbürger, der Verantwortung für das gesamte Handeln von Menschen auf der Erde trägt. Meine Mitverantwortung führte ich nicht auf den Zufall des Geburtsortes zurück. So war mir also mein Deutsch-Sein nicht wichtig, sondern bedeutungslos.

Als ich meinen Dienst in einem französischen Ausbildungszentrum für benachteiligte Jugendliche antrat, sprach ich kaum Französisch, so dass in den ersten Monaten eine wirkliche Konversation nicht möglich war. Da ich nichts von mir selber berichten konnte und der deutsche Akzent sofort offensichtlich war, begann jedes Gespräch mit dem einzig sicheren Thema: der Nationalität. Neben Berichten über den abgeleisteten Militärdienst in der Nähe von Trier, dem Urlaub im schönen Moselgebiet mit seinen Weinen, dem einst existierenden Kontakt zu einem Brieffreund aus Paderborn oder dem Praktikumsplatz in Kassel hörte ich aber auch altbekannte Vorurteile wie die Pünktlichkeit und Sauberkeit der Deutschen, beides belächelt und bewundert zugleich. Ich war gerade dabei zu klären, ob die Nuance zwischen Ich komme aus Deutschland - Je viens d´Allemagne oder Ich bin Deutscher - Je suis allemand für mich wirklich von Bedeutung war, als sich dieser Ring ohne Erlaubnis um mich legte. Doch ob ich diesen Ring als eine helfende Brücke oder eine Mauer aus Ziegelsteinen empfinden sollte, war mir unklar. Schließlich war ich völlig hinter der Nationalität verschwunden; mein Ich war austauschbar geworden. Mit der Zeit gefiel es mir, den sein Land liebenden und kennenden Deutschen zu spielen (Wo, verdammt nochmal, liegen Trier, Paderborn und Kassel?). Es war erheiternd zu sehen, wie sehr meine Gesprächspartner auf ihre paar Brocken Deutsch stolz waren, um im gleichen Atemzug zu behaupten, dass die deutsche Sprache nicht nur schwer, sondern auch noch schrecklich anzuhören sei. Um den unmöglichen Klang der deutschen Sprache zu illustrieren, mit seinen ch und sch, fassten sie sich wechselweise an den Hals oder legten die Hand auf den Bauch, ihrer Meinung nach Quellen des Unheils. Der Höhepunkt war wohl, als mir jemand erklärte, alle Dompteure der Welt sprächen mit ihren Tigern deutsch, weil dies so furchteinflößend wäre.

Bei einem deutschen Abend an der Universität, organisiert von deutschen Austauschstudenten, wurde mir einiges klarer. Es war kurz vor Weihnachten und es gab Tannenbaum, Kerzen, Lebkuchen, Glühwein und Tannenzweige, kurz, sie hatten alles herbeigeschafft, was dem Klischee Deutsche Weihnacht entspricht. Sie sangen O Tannenbaum, verteilten Geschenke und alle Franzosen waren froh, ihr Bild vom Deutschen bestätigt zu sehen. Aber war das mein Weihnachten? War das mein Deutschland, über das ich seit kurzem so gerne sprach? Hatte ich nicht immer wieder über das Bild des beschaulichen, gutmütigen, lebkuchenmampfenden Deutschen gewettert - und dabei die Realität verkannt?

Noch ein Erlebnis: In meiner Deutschkonversation geben zwei Studenten folgende Antwort auf die Hausaufgaben Wie seht ihr die Deutschen?: Ersten, die Deutschen sind mehr strict als die Franzosen. Die Deutschen eiteln nicht, sie sind ernst aber sie drinken gern große Bier. Die Deutschen spielen gern Fußball, Tennis. Sie haben nicht gute rote Wein, aber sie haben gute weise Wein, und gut Apfelsaft. Sie haben nicht Tier. Sie sind grün. - Wenn dies tatsächlich ihre Vorstellung von Deutschen war, so war sie von meiner in mancherlei Hinsicht weit entfernt.

Mein Deutschsein definiere ich heute über den Besitz und den Gebrauch der deutschen Sprache. Meine Ideen und Gefühle nicht ausdrücken zu können, hatte mir am meisten gefehlt. So differenziert wie im Deutschen werde ich mich nie in einer anderen Sprache ausdrücken können. Sie ist es, worüber ich einen positiven Patriotismus entwickeln kann. Denn dieses Zugehörigkeitsgefühl, das sich über die Sprache herleitet, achtet weiterhin jede Nationalität, ja sie bewundert die herrschende Sprachvielfalt und somit andere Kulturen. So habe ich eine Beziehung zu meiner deutschen Nationalität aufbauen können.

Mit einer schlichten Verleugnung der Zugehörigkeit zu einer Nation und einem Bekenntnis zum Europabürger macht man es sich zu einfach. All denen, die meinen, dieser Tatsache rein rational aus dem Wege gehen zu können, empfehle ich einen solchen Auslandsaufenthalt. So habe ich selbst, in missionarischem Eifer in die Welt hinausziehend, am allermeisten von meinem Dienst profitiert.

Am Dienstende: Wie wichtig ist Dir Dein 'Deutsch-Sein'? - Antwort: 5 (= ich bin zufrieden).

Weitere Beiträge zu Deutschsein im Ausland - Gewohntes neu Entdecken:

  • Mary - 1990/91 im Kinderdorf Eiras bei Coimbra/Portugal
  • Daniel - 1992/93 in Budapest/Ungarn beim Ungarischen Malteser Caritasdienst
  • Alexander - 1993/94 in Polen bei der Stiftung Kreisau

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