Assol - 1996·97 in Pavlovsk bei St. Petersburg

Sie war mit behinderten Kindern tätig - wie andere Freiwillige in Europa - fand aber andere Umstände vor als in westeuropäischen Ländern.

Ich arbeite in einem Kinderheim für Behinderte. Insgesamt wohnen in diesem Heim 600 Kinder, wir Freiwilligen engagieren uns in einem Haus, wo 120 Kinder stationiert sind. In meiner Gruppe befanden sich anfänglich 15 Kinder, am Ende zwölf (zwei Kinder kamen in eine andere Gruppe, ein Kind starb an Weihnachten), die von einer Sanitarka, einer unausgebildeten Pflegekraft, betreut werden. Die Sanitarkas fühlen sich zuständig für das Füttern und Sauberhalten der Kinder. Meine Aufgabe war neben der Pflege, mich mit den Kindern der sogenannten Liegendgruppe zu beschäftigen, das heißt mit ihnen zu spielen und ihnen Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken. Ein Kind namens Nelia lernte laufen. Jeden Morgen um 9.00 Uhr beginnt meine Arbeit. Schon auf dem Gang kommen mir Kirjuscha und Dina mit Jubelschreien entgegen. Beides Kinder aus meiner Gruppe, die sich mit Hilfe von Rollbrettern fortbewegen. Ihre Freude hielt immer an, für mich kaum vorstellbar, wie sie sich immer wieder über mein nun schon gewohntes Kommen freuen konnten. Wenn ich den Anblick des Zimmers meiner Gruppe mit dem Anfangsbild vergleiche, hat sich bis auf ein paar Bilder an der Wand und die ausgetauschten Betten nicht viel verändert. Nur, dass mir jetzt das Zimmer viel lebendiger erscheint, weil mir ein paar aufgeweckte Gesichter erwartungsvoll entgegenblicken.

Nach der Begrüßung fange ich an zu füttern. Anfänglich war die Situation folgende: Von 15 Kindern mussten 13 gefüttert werden. Die Sanitarka schafft es, in einer 3/4 Stunde elf davon zu füttern, während ich noch mit dem zweiten Kind beschäftigt bin. Des öfteren stellt sich für mich in solchen Situationen die Frage, ob es mir auf qualitative oder quantitative Arbeit ankommt, denn ich kann kaum mit ansehen, wie in die Kleinen das Essen hineingestopft wird, während ich mich ihnen liebevoll - aber dafür nur zwei Kindern - zuwenden kann.

Die Lage änderte sich im Laufe der Dienstzeit. Inzwischen essen sechs Kinder selbst, drei bekommen die Flasche, und ich habe genügend Zeit, mich um die übrigen zu kümmern. Nach dem Essen werden die Betten gemacht, und ich wickele diejenigen, die mit ins Spielzimmer kommen sollen. Ins Spielzimmer versuche ich, jeden Tag andere Kinder mitzunehmen, so dass jeder einmal wöchentlich dran kommt. Ein Vorrecht haben Kirjuscha und Dina, da sie sich selbst fortbewegen und beschäftigen können. Je nach Fähigkeiten spiele ich Puzzle, Ball, Steckspiele oder sitze auf der Hängematte und kuschele.

Manche Kinder ziehen alle Sachen aus den Regalen, und es entsteht regelmäßig ein Chaos. Mit der Zeit finde ich heraus, welche Spielzeuge zu welchem Kind passen. Zum Beispiel versuche ich, Kirjuscha Puzzle beizubringen. Nachdem er es nach einem Vierteljahr nicht begriffen hatte, gab ich es auf. Doch zu meinem Erstaunen fing er eines Tages an, ganz von allein alle Puzzles richtig zusammenzusetzen.

Ich kann von mir sagen, in diesem Jahr selbst auch wieder richtig spielen gelernt zu haben.

Trotzdem bleibt der Trott, die Gewöhnung nicht aus. Ich kenne jedes Spielzeug, jedes Kuscheltier in unserem Zimmer, und ab und zu bin ich dann doch genervt. Als ich merkte, wie schwer es zeitweise ist, mich selbst zu motivieren, begann ich, die Sanitarkas in ihrer groben Art, mit den Kindern umzugehen, zu verstehen. Ich glaube, ich könnte nicht 15 Jahre und mehr solch eine Arbeit gleichbleibend gut verrichten, außer ich hätte vielleicht einen guten Ausgleich in der Freizeit.

Trotzdem macht mir die Arbeit Spaß. Jedem moralischen Tief folgt auch ein Hoch. Im Sommer hatten wir dann die Möglichkeit spazierenzugehen, was auch den Arbeitsrhythmus auflockerte.

Was sich seit dem ersten Tag bis heute geändert hat, sind nicht nur solche Dinge, dass viele Kinder selbst essen, Nelia laufen lernte, Wanja selber Rollstuhl fährt, sondern es sind Kleinigkeiten, die für mich viel wichtiger sind: So erkennt mich Anja, ein kleines vierjähriges Mädchen, welches ständig krampfte, und nun lächelt, wenn ich ins Zimmer komme. Auch Andrej hat Fortschritte gemacht, die ich erst als solche erkennen musste. Als ich ihn kennenlernte, lag er nur lautlos in seinem Bett und in seinem Gesicht waren keine Gefühlsregungen zu erkennen. Jetzt blickt er ab und zu aufmerksam um sich und fängt an zu weinen, wenn man ihn wieder ins Bett legt. Sicher ist dieses Weinen kein Ausdruck von Glück, doch ist es ein Anfang zu weiteren Gefühlsäußerungen: Andrej hat Weinen gelernt.

Der Abschied von meinen kleinen Rackern fiel mir sehr schwer.

Weitere Berichte zu diesem Projekt

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