Alexander - 1993/94 in Polen bei der Stiftung Kreisau

Er arbeitete während seiner Einführung in den Dienst zwei Wochen gemeinsam mit polnischen Jugendlichen in den Masuren auf russischen und deutschen Soldatenfriedhöfen aus dem I. Weltkrieg. Er beschreibt, wie dieses Workcamp Anlass zu einer intensiven Beschäftigung mit der eigenen Nationalität wurde:

Die zwei Wochen Workcamp auf einem deutschen Soldatenfriedhof des I. Weltkrieges in Drweck/Ermland sind zu Ende. Zwei Wochen, in denen 15 deutsche (aus allen Teilen der BRD) und zwölf polnische Jugendliche aus Olsztyn zusammen gelebt und zusammen gearbeitet haben.

Für viele von uns war es das erste Mal, dass sie in Polen waren und Kontakt zu seiner Bevölkerung erhielten, deren Beziehung zu Deutschland durch die Geschichte so sehr belastet ist. Erst in den letzten Jahren ist es zu einer Annäherung zwischen Polen und Deutschen auf breiter Ebene gekommen. Dementsprechend gingen viele von uns mit gemischten Gefühlen nach Polen - besonders auch deshalb, weil es eben galt, einen deutschen Soldatenfriedhof aus dem I. Weltkrieg wiederherzustellen. Wir befürchteten, dass das Projekt und unser Aufenthalt in einem ehemals deutschen Gebiet falsch interpretiert werden könnten (als Stichwort seien genannt: Aufleben von Militarismus, Glorifizierung des deutschen Soldatentums in Form der Wiederherstellung des Friedhofes). Gibt es nicht unverfänglichere Aufgaben im zivilen Bereich? Wieso arbeiten wir gerade auf einem deutschen Soldatenfriedhof? Fragen, die bei den deutschen Teilnehmern natürlich aufkamen und diskutiert wurden. So stieß das Projekt bei den meisten anfänglich auf wenig Gegenliebe. Es ist sicherlich die Übersensibilität und Unsicherheit der Deutschen, die nach wie vor auch bei uns Jugendlichen sehr lebendig geblieben ist, wenn es darum geht, Deutschland im Ausland zu vertreten. Vor dem Hintergrund des II. Weltkrieges hatte man zumindest unterschwellig immer Befürchtungen, allein durch sein Deutsch-Sein den Polen zu nahe zu treten. Diese Bedenken hinsichtlich des Friedhofes reichten aber nicht aus, um ein klares Nein dem Projekt gegenüber auszusprechen und es demzufolge abzubrechen.

Dass unser selbstkritisches, wenn auch des öfteren überkritisches Verhältnis zu unserem Deutsch-Sein auch seine positiven Seiten hatte, geradezu notwendig war, zeigte sich während unserer Begegnung mit der ostpreußischen Landsmannschaft (aus Deutschland). Während eines Fußballturniers in Olsztynek, bei dem wir gebeten worden waren, die Junge Landsmannschaft Ostpreußen zu verstärken, kam es zum Eklat. Die Landsmannschaft provozierte ihre Umgebung allein durch ihr militärisches Auftreten. Etliche trugen Springerstiefel, Bundeswehrhosen, Fahrtenmesser und graue Hemden mit dem Wappen Ostpreußens am Oberarm. Die T-Shirts, die bei dem Turnier getragen werden sollten, glichen in unseren Augen ebenfalls eher einer Uniform denn einem Fußballtrikot. Auf dem T-Shirt war in einem klassischen Wappenschild der Schriftzug Ostpreußen und darunter der preußische Adler abgedruckt. Nachdem wir zunächst die Hemden angezogen hatten, machte sich Unsicherheit bei uns bemerkbar. War ein solcher Aufzug nicht schon zu chauvinistisch?

Begleitet von Parolen der zuschauenden Landsmänner, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen, sowie den entsetzt- erstaunten Gesichtern unserer polnischen Freunde, war das Tragen der Hemden nicht mehr akzeptabel. In Form eines Kompromisses wurden die T-Schirts schließlich auf links gedreht angezogen. Wir wollten uns nicht von der politischen Botschaft vereinnahmen lassen, die offensichtlich von diesen Hemden ausging. Den Fußballern der Landsmannschaft passte dies nicht. Wir wurden aufgefordert, die T-Shirts wieder umzudrehen. Empört über den Druck, der auf uns ausgeübt wurde, zogen wir die T-Shirts nach einer heftigen Debatte aus und plazierten sie demonstrativ vor den Füßen des landsmännischen Kapitäns. Da die Landsmannschaft jedoch ohne uns nicht spielen konnte, kam es doch zum Konsens - und wir spielten mit umgedrehten Hemden.

Ania, eine der polnischen Teilnehmerinnen, hatte die Szene beobachtet: Ich habe mich sehr gefreut, als unsere Deutschen die T-Shirts umgedreht haben. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so denken, denn in diese Gegend kommen viele Deutsche, die diesen Teil Polens immer noch für die Deutschen beanspruchen. Ich war sogar ein wenig stolz auf euch!

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